Wieviel kostet Malaria?

Ich habe Malaria. Jedenfalls fühle ich mich elend und Mike sagt, es wäre Malaria. Er muss es wissen. Wir gehen zu Dr. Temu, dem Arzt im Stadtviertel der tansanischen Stadt Moshi, wo ich für die Dauer eines Monats wohne. Seine Privatpraxis ist eine Baracke mit einem Behandlungszimmer und einem Wartezimmer, die durch einen grünen Stoffvorhang voneinander getrennt sind. Das Wartezimmer misst zwei mal drei Meter und das Behandlungszimmer ist kaum größer. Seitlich gelegen ist noch ein weiterer Raum sichtbar, vermutlich das Labor. Dr. Temu ist bei Patienten unterwegs aber Caliste, sein Assistent, nimmt sich meiner an. Es ist noch ein Baby krank im Wartezimmer, offensichtlich auch Malaria, denn uns beiden wird Blut für den Malariaschnelltest  abgenommen. Das Baby schreit, ich bin froh, dass man mir hilft. Caliste lächelt die ganze Zeit und schaut mir so aufmerksam in die Augen, als wäre ich seine liebste Schwester. Er spricht kein Englisch, aber Mike übersetzt, dass der Schnelltest 30 Minuten dauert. Eine halbe Stunde später ist es Malaria und mit 22 lose überreichten Tabletten zu behandeln. Sie sind über vier Tage zu nehmen. Meine Malariamedizin für 80 Euro, anzuwenden bei Ausbruch der Krankheit, liegt sicher und kalt in Deutschland. Caliste sucht nach Papier, reißt ein handtellergroßes Stück von einem bedruckten Blatt auf Dr. Temus Schreibtisch und schreibt auf die Rückseite, wie die Tabletten zu nehmen sind. Ich bezahle für die Behandlung und die Tabletten den Gegenwert von 2,20 Euro. Caliste begleitet mich unter Genesungswünschen auf Swahili hinaus. Ich fühle mich viel besser.
   Zwei Wochen später zurück in Deutschland und kurz vor Weihnachten habe ich wieder Fieber, aber keine Malariaerreger mehr, es könnte die Niere sein. Ich bin fast nie krank und werde in Wartezimmern nicht gesünder. Ich warte zwei Stunden auf den Urologen und höre in dieser Zeit die beiden Sprechstundenhilfen bei der Verabschiedung der Patienten 240mal die Information über den auch möglichen kostenpflichtigen Ultraschall und die Darmspiegelung abspulen: „Haben sie schon einmal eine Darmspiegelung gemacht? Ich gebe ihnen trotzdem mal die Informationen mit. Lesen Sie sich das mal durch. Sie können es noch in diesem Jahr machen lassen.“ Die Patienten, überwiegend Männer jenseits der 70 nicken und trippeln nach Hause. Die Sprechstundenhilfen hacken in den Computer und gucken ernst über ihre Brillengläser. Vermutlich haben sie ein Vertriebsziel. Mich fragen sie nicht nach der Darmspiegelung. Ich wäre unhöflich geworden.
   Jährlich sterben in Afrika zwei Millionen Kinder an Malaria, überwiegend aus Familien, die auch das Geld im Wert von 2,20 Euro nicht verfügbar haben. In „Time“ vom 15.1.2007 schreibt Jeffrey Sachs vom Earth Institute der Columbia University, dass es effektive Medizin für einen Dollar gibt, basierend auf dem Wirkstoff Artemisinin aus einer in China wachsenden Beifußart. Und er weist zu Recht auf ein wirksames Schutzmittel hin, imprägnierte Moskitonetze, für 10 Dollar in Afrika zu erwerben. Unser Verein wird Juni Moskitonetzen anbieten. Wir werden Touristen bitten, ein Netz zu kaufen und es an eine arme Familie weitergeben. Dr. Temu wird diese Familien kennen. Und wer noch 2,20 Euro mehr spenden möchte kann Dr. Temu eine Behandlung eines kranken Kindes aus einer armen Familie ermöglichen.

Zitat aus dem “G8 Action Plan for Good Financial Governance in Africa”

“2. Strengthening African tax systems We support African countries in reforming their tax policies and tax administrations, especially with a view to providing citizens with the legal means to effectively scrutinise the decisions of their tax administrations. We encourage African countries to make use of regional networks and international knowledge on tax policy and tax administration in order to bolster domestic expertise. We will therefore enhance our efforts to enable partner countries to participate in bilateral and international initiatives, such as the International Tax Dialogue (ITD).” 

Ende Juni hat unsere kleine Tourismusfirma den Jahresbericht 2006 bei der Taxbehörde TRA vorzulegen. Wir haben den Freiberufler Riace engagiert, aus unseren Rechnungen dieses Werk zu erstellen. Er macht dass für 200 USD, was schon ein gutes Monatsgehalt in Tansania ist. Der Bericht wird danach von einem Steuerberater geprüft und abgestempelt. Riace hat dazu keine Lizenz. Der Stempel kostet wahrscheinlich noch einmal 200 USD und die Erstellung des Berichtes vergrößert unseren Jahresverlust um 400 USD. Mit dem dreimal geprüften und gestempelten Bericht wird Mike als Direktor vor der Behörde erscheinen, zum Interview. Die Behörde ist so etwas wie der Stellvertreter des Staates auf Erden. Die Behörde hat immer Recht. Mike wird wiederkommen und verkünden, dass wir trotz Verlust Steuern zu zahlen haben. Ich werde mich maßlos und folgenlos aufregen und die Steuergerechtigkeit in Deutschland hoch preisen. Aber Rettung aus dem Ungemach ist in Sicht: Die G8 will uns helfen, die Entscheidungen der TRA anzuzweifeln. Sie fordert Tansania auf, auf MICH zu hören, die ich im regionalen Netzwerk hocke und Kenntnisse über das Steuersystem in Deutschland habe. Wenn Tansania nicht auf mich hören will, bekommt Tansania Geld, um die Direktoren der TRA nach Berlin zu schicken, damit sie auf Angela Merkel hören. Vielleicht gebe ich Mike gleich 50USD mit zum Interview als TIP oder wer ermöglicht Mike einen Lehrgang über das tansanische Steuersystem?   

 

Inside of Africa oder warum ich hier bin

6906 km sind es vom morgendlichen Amsterdam zum nächtlichen Kilimanjaro International Airport in Tansania. Ich fliege nach Tansania um zu helfen. Kein Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit und keine Hilfsorganisation bestimmen, was zu tun ist. Das Geld stammt von mir und nicht aus der Entwicklungshilfe des deutschen Staates. Ich investiere in Zelte, Fahrräder, Büroeinrichtung, Miete, Gehälter, Werbematerialien, Telefonkosten, damit wir Touristen auf den Kilimanjaro führen oder mit ihnen Mountainbike-Touren um den Berg herum unternehmen können. „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben!“ Dieser alte Ostspruch sollte richtig sein. Ich komme nicht mit Spenden für Brot, Unterrichtsmaterialien oder Landrover. Das kann sinnvoll sein, sichert aber nicht das Leben von morgen. Ich investiere in einige wenige Arbeitsplätze, solange ich investieren kann, weil ich in Deutschland einen halben Arbeitsplatz in einer Unternehmensberatung zum Geld verdienen habe. So groß kann das Lohngefälle sein.
   6906 km Flug über Italien, Libyen, Ägypten, Sudan und Kenia. Die Alpen liegen in Schlagobers. Die Toskana blinkt grün durch Mascarpone-Wölkchen und Rom ist ein Haufen aus braunen Kandiszucker, von einem verspielten Kind verschüttet und breit gewischt,  von schwarzen Rillen durchzogen, die entstehen, wenn man mit einem Stöckchen durch die Kristalle fährt und die Erde durchscheint.  Weiße Wölkchen spiegeln sich grau im braungelben, endlos großen Stück Sandpapier der Sahara. Ein Wolkenfeld zieht ins Bild wie geschlagener Eierschnee in gerührtes Eigelb gleitet und wird abgelöst von einer durchsichtigen Wolke eines Sandsturms. Die Wüste spült sich in fragilen Sandwellen zum Horizont und liegt dann still wie ein Spiegel für die grelle Sonne ausgebreitet. Am Rand der Wüste wachsen kleine schwarze Hügel aus Muttererde durch die braune Puderschicht, sich scharf abhebend vom Untergrund in die nun wieder klare Luft. Der Nil kringelt sich grau-schwarz durch die Wüste.
   Es wird Abend über Afrika. Der schwarze Kontinent ist auch ein dunkler Kontinent. Nach Sonnenuntergang ist kein Licht am Boden zu sehen. Es gibt mehr Sterne am Himmel als Lichter auf der afrikanischen Erde. Der Kilimanjaro International Airport liegt wie eine leuchtende Oase in der Nähe des Äquators und meine beiden besten Freunde und Partner im Land - Mike Nelson, der Direktor von Chagga Tours  und Freddy Lekule , der unsere Landkarten und Kalender verkauft- erwarten mich wie bei jeder Ankunft.
   Mehrmals im Jahr arbeite ich während einiger Urlaubswochen in Moshi, Tansania, einer Stadt von etwa 150.000 Einwohnern am Fuße des Kilimanjaro. Wir ackern, Freundschaften entstehen, Streit wird ausgetragen, Hoffnung geäußert. An Schlagobers, Tiramisu und was man sich noch so vorstellen kann an Aufputschmitteln verschwende ich nicht einen Gedanken. Eines Tages vergleichen wir unser Gewicht in Kilogramm. Ich bringe nicht so viel auf die Waage, nur 56, aber da das Konfektionsgröße 38 bedeutet, bin ich als Europäerin froh darüber. Freddy hat 62 kg und meine Größe, ein ausgemachtes Fliegengewicht. Mit ernstem Gesicht verkündet er, dass er bei erfolgreicher Geschäftsentwicklung auf 70 kg zuzulegen gedenkt, wie es sich für einen afrikanischen Geschäftsmann gehört. Auch deswegen bin ich wohl hier.